23:59

Prolog – 20:59

Wie ich das Haus verliess und den Kragen meines Mantels hochklappte, riss ein eisiger Wind an mir, als wollte er mich zurück in die warme Geborgenheit schieben. 
Die Strassen waren gesäumt von leblosen Körpern und Schutt; Rost und Blut waren nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Als wollten sie Wärme spenden, leisteten ausbrennende Fahrzeuge ihnen Gesellschaft. Leerstehende, halb abgebrochene Hochhäuser säumten die Strassen und zu jeder Zeit fielen sanft Flocken vom Himmel. Ob es Überreste von Papier oder versengter Kleidung waren, wer wusste das schon.

Und wer würde das schon wissen wollen.
„Asche auf mein Haupt“, würde Noe wohl sagen und dabei grinsen. Nur leider zu spät, das Grinsen war ihm wie alte Tapeten von den Lippen geblättert, als er erfuhr, dass die Erde ausgedient hatte und die Menschheit nun mit ihr niedergehen sollte. 

Eigentlich mochte ich Sonnenuntergänge. Aber dieser prophezeite mehr als ein Tagesende.

Gerade kletterte ein riesiger Feuerball über den Horizont und färbte den Himmel, als würden Blut und Tinte ineinander verlaufen. Der Übergang verlief viel zu sanft. Nicht wie der Ausklang, der diesem Planeten bevorstand. 
Ich fragte mich, wie das wohl aussehen würde, hätte jemand stattdessen die Tatsachen auf den Himmel gepinselt: Spritzer aus Dreck und Verzweiflung, Tod und zu später Einsicht? Ich brauchte mir das Grinsen nicht zu verkneifen, durch meine Atemschutzmaske war es ohnehin nicht zu erkennen. Das Glucksen, das mir durch die Ventile der Maske entfuhr, muss jedoch irritierend geklungen haben. 

Im Hauptquartier angekommen, verflogen meine Grübeleien: Es verblieben noch drei Stunden um ins All zu gelangen, danach wäre es zu spät und der Gau würde Planet und Menschheit das letzte bisschen Lebendigkeit aushauchen.


03:27 – Bryn

Die Sirenen hätten mich aus dem Schlaf reissen müssen, aber es fiel mir derzeit so oder so schwer zu schlafen. Stattdessen hatte ich auf meinem Bett gesessen, den Rücken gegen die kühle Wand gelehnt, den Blick leer gerade aus. 
Seit der „Offenbarung“, wie sie es nannten, herrschte Ausnahmezustand: Auf offener Strasse gab es Schiessereien, Raubüberfälle und die Nachrichten waren voll von Menschen, die sich das Leben genommen hatten. Fühlte es sich auf diese Weise an, als könnte man auf Augenhöhe mit dem Tod gehen? War das Gefühl von Machtlosigkeit unerträglich genug, um auf die letzten Stunden des Lebens zu verzichten?

Ich zog mir ein Shirt über, auch wenn es eigentlich zu warm war, um irgendetwas zu tragen. Trotzdem fühlte es sich falsch an, nichts zu tragen. Ich suchte die Geborgenheit des dünnen Stoffs auf meiner nackten Haut. 
Eine Illusion. Wie alles andere. Eine Wirkungsvolle.

Mit einem Blick aus dem Fenster wusste ich, wie lange uns noch blieb: 20 Stunden und 32 Minuten. Als stünde uns etwas Grossartiges bevor, wurde ein Countdown an die Membran geblendet. Ob das die Panik minderte oder schürte, war ich unschlüssig.

Ein Update: Was war mit der Erde geschehen? 

Wir schreiben das Jahr 2139. Der Erdkern hatte sich nach einer missglückten Bohrung so schnell erwärmt, dass die schützende Membran, die die Erde ummantelte, beschädigt wurde. Diese Membran sollte ursprünglich die Erdatmosphäre ersetzen, da sich Ozonlöcher wie Karies durch die Atmosphäre gefressen hatten, bis diese mehr Loch als Schutz bot. Nun war auch die Membran dahin und so ernüchternd es auch klang: Die Menschheit hatte sich zu lange von Notfallplan zu Notfallplan gehangelt und nun blieb abgesehen von Würde nicht mehr vieles, an das sie sich hätte klammern können. 
Die Erdkern-Erwärmung war derzeit so stark, dass sich das Klima zu schnell veränderte und weder Mensch, Tier noch Natur fähig waren, in so kurzer Zeit die notwendigen Anpassungen vorzunehmen, um zu überleben. 

In den letzten Jahren war die Menschheit unruhig geworden und hatte begonnen, sich zu fragen, wie viel Zeit ihr noch blieb. Ob das letzte Kapitel schon begonnen hatte und ob sie am Exodus mitschreiben durften, oder ob sie bloss wie Statisten im Theater ihres Lebens dabei zusehen mussten, wie erst das Bühnenbild und dann die Zuschauer niedergingen. 

Gesetzeshüter gaben ihr Bestes, das Gröbste zu verhindern, doch angesichts des Todes, schienen sich sich die animalischen Züge der Menschen wie Luftblasen in kochendem Wasser an die Oberfläche zu drängen. Nicht mehr lange und es würde überkochen: Wo es noch etwas zu holen gab, wurde eingebrochen, Menschen gewaltsam zur Seite geschubst, alle gegen alle.
Als würde ein Autoreifen im Schlamm durchdrehen, schien der menschliche Verstand komplett ausser Kraft gesetzt zu sein: Die Flucht vor der Vergänglichkeit, dem absoluten Nichts hebelte jeglichen Verstand aus. 

Mein Name lautet Bryn, ich lebe inmitten einer der grössten Metropolen der Welt, da sich hier auch die Hochburg der Forschung zur Erdatmosphäre und Weltraumfahrt befindet. Das Institut, an dem ich derzeit beschäftigt bin, verfügt über eine letzte Karte, das es ausspielen kann: Es gibt noch eine Möglichkeit, die Menschheit vor dem kompletten Aus zu bewahren. 
Dass jegliche ethischen und moralischen Zweifel bezüglich dieses Plans mit betretenem Schweigen, geschürzten Lippen oder einem Schulterzucken beantwortet wurden, sprach wohl Bände über dessen Lauterkeit. Doch die Alternativen sind rar. 
Unser Vorhaben wurde lange Zeit unter Verschluss gehalten, da es mit keinem Mittel gerechtfertigt werden konnte: Wir arbeiteten seit mehreren Jahren unterirdisch – im physischen, wie auch im übertragenen Sinne: Weder die Öffentlichkeit, noch die Regierung wusste, worauf das Forschungslabor aus war und welche Ergebnisse zur Zeit vorlagen. Konnte unser Plan umgesetzt werden, so würden einige Wenige den Planeten verlassen und dem tödlichen Ende der Erde entfliehen.
Aber die Auswahl derjenigen, die eine Überlebenschance hatten, war maximal subjektiv. 

Noe, einer der führenden Denker, hatte sich unter die Testpiloten gemischt und würde die Kapsel von der Erde aus durch die Membran steuern. Als hätten sich seine südländischen Wurzeln einen Weg von seinen Füssen zum anderen Ende des Körpers gebahnt, war sein Kopf über mit schwarzen Locken bedeckt. Durch die Gläser seiner Brille blickten sanfte, strahlend blaue Augen, als hätte er einen Teil des zyprischen Meers darin eingefangen und er wirkte nicht im Geringsten, als würde er bald das letzte Bisschen menschlicher Hoffnung anführen.  

Als die Sirenen verstummt waren, beruhigten sich auch meine Gedanken wieder. Körper und Geist waren fähige Instrumente, wenn man sie zu gebrauchen wusste. Aber Zeiten wie diese wirkten wie Rost für den Verstand. 
Ich versuchte, den Weg zurück zu mir zu finden. Wahrscheinlich würde ich aber so oder so nur noch etwas mehr als 20 Stunden leben, dann wäre es vorbei. Trotzdem wollte ich meine letzten Stunden ruhig und konzentriert verbringen. Nicht wie ein aufgescheucht gackerndes Huhn.