W Ö R T E R – Vom Sinn und Unsinn unserer Sprache

Gerade versuche ich einen Essay zum Thema „Wort“ zu verfassen, doch es will mir nicht gelingen. Eine Schreibblockade würde die professionelle Schreiberin es nennen. Je länger ich vor meinem Laptop sitze und ahnungslos auf den Bildschirm sehe wo beliebige Buchstaben erscheinen und wieder verschwinden, desto mehr glaube ich den Unsinn von Wörtern zu erkennen. Wörter. W O R T. Das sind vier Buchstaben. Sie ergeben für die meisten Leute einen Sinn, ein Bild, einen Eindruck. Aber eigentlich sind es nur Buchstaben. Nein, eigentlich sind es Striche, die willkürlich in alle beliebigen Himmelsrichtungen schauen können, sie werden irgendwie zusammengehängt und ergeben mehr oder weniger schöne Formen. Im Grunde genommen ist es doch unsinnig eine Seite mit solchen Förmchen und Ornamenten zu füllen, in der Hoffnung irgendwer möge sie unterhaltsam finden. Aber das absurdeste ist doch, dass es Menschen gibt, die sich täglich stunden damit beschäftigen, kleinen Kindern eben diese Formen einzutrichtern. Den Grösseren dann, wie man sie noch schlauer aneinanderhängt und wann eine solche Figur grösser als all die anderen aussehen soll. Die noch grösseren, schlauen Menschen, die verbringen dann Tage und (in meinem Fall) Nächte damit, Seitenweise solche Striche, Punkte, Kreise und alle anderen möglichen und unmöglichen Formen zu malen nur damit dann ein (angeblich) noch gescheiterer Mensch diese Zeichen nach seinem Geschmack zusammenstreichen und bewerten kann, sodass es eine andere Zeichnung gibt. Solche angeblich noch gescheitere Menschen zeichnen sich übrigens dadurch aus, dass sie, als sie noch jünger waren, ebenso Seite um Seite mit solchen Zeichnungen gefüllt haben, eine solche dann einem Menschen, der sich für noch schlauer hielt, aushändigten und dieser meinte, sie seien sehr schlau und ihr Strich-Chaos sehr interessant.

Möglicherweise ist es ein wenig kompliziert, mir zu folgen. Ich werde einige Chiffren aneinanderreihen, um Ihnen verständlich zu machen, was ich sagen will. Die Kleinsten, denen eingetrichtert wird, diese „lernen zu schreiben“. Die etwas grösseren, die lernen schlauer aneinander zu reihen, die beschäftigen sich mit sogenannter „Rechtschreibung“. Menschen, die sich für schlauer halten als wir, das sind „Lehrer“ und diese haben ihre Zeichnungen und Bilder bei ihren „Lehrern“ den „Professoren“ abgegeben, ihre Bilder nennen sie auch „Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten“. Als ob solch ein schlauer Name irgendetwas am Förmchenchaos auf ihren Papieren ändern würde. – Nun hoffe ich, Sie sehen die Absurdität, die ich Ihnen aufzeigen möchte.

Wir reihen aber nicht bloss all diese Figuren nacheinander und erwarten dafür lobende Rückmeldungen, nein es kommt noch besser. Wir wissen sogar, wie man diese Bildnisse in Laute übersetzt und mehrere solche Laute, seien es Zisch-, Knack- oder anderen unangenehmen Geräusche, ergeben zusammen einen „Satz“. Da fliegen also nicht bloss Striche in allen Ausführungen umher, nein es wird daraus sogar eine Botschaft interpretiert. Als ob mir Kleckse und Hieroglyphen irgendetwas zu sagen hätten. Wer sagt mir denn, dass dieser und jener Streifen nicht an einen falschen Ort gerutscht ist, und der Inhalt (wenn es denn überhaupt einen gibt) eigentlich ein ganz anderer wäre?

Ich würde meine Zweifel ja gerne in einer Form äussern, die nichts mit den oben beschimpften Strichen und Klecksen zu tun hat, doch ich fürchte, dass Sie mich dann noch weniger verstehen würden. Das heisst, ich kann zwar zweifeln, ja schimpfen und zetern, ich könnte mich mit Händen und Füssen wehren, weinen und schreien, aber diese ungelenken Kreise und Wellen scheinen sich zusammen zu schliessen und mich an sich zu fesseln.

Während ich also hier sitze, schreitet die Zeit ohne meinen Essay voran, Geduld und Hoffnung machen sich schon einmal auf den Weg ins Traumland. Wenn ich denn nicht meinen Essay verfassen kann, so will ich doch zumindest den Sinn oder Unsinn von Worten finden.

Zu meiner Überraschung klopft es an der Türe, mein Bruder wünscht mir gute Nacht. Muss schon spät sein, wenn sogar er schlafen geht. Ich wünsche ihm was man sich so wünscht bevor man sich schlafen legt und während er die Tür wieder hinter sich zu zieht, drängt sich mir ein Gedanke auf: Ohne Wörter, ohne diese Striche und Kreise und ohne die daraus folgenden Geräusche könnte ich ihm gar nicht gute Nacht wünschen. Gibt es denn eine Alternative? Ja, die gibt es. Glauben Sie mir, YouTube kennt Videos, die Ihnen die ganze Nacht mit Gebärdensprache und Tierlauten füllen könnten. Doch die Alternativen scheinen mir noch weniger verständlich und effizient als diese Wörter, die ich zu gebrauchen verdammt bin. Ausserdem müsste ich mir eine völlig neue Ausdrucksweise aneignen und dazu käme noch, dass ich mich mit beinahe niemandem verständigen könnte. So komme ich also zum Schluss, dass die Wörter ihre Eigenart haben mögen. Sie sind nicht das Einzige was wir haben, aber eines der wenigen Dinge, mit denen wir uns mit all unseren Artgenossen verständigen können, also etwas vom Besten, das wir haben.

Resigniert zucke ich mit den Achseln, Buchstaben sind eigentlich voll in Ordnung. Und um mich zu trösten ändere ich die sogenannte Schriftart, meine Förmchen sind jetzt immerhin schöner als andere.

 

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