Ernährungsanalphabeten

Mit wachsender Verwunderung sehe ich immer mehr Menschen, deren offenbare Unkenntnis bezüglich Ernährung sie nun äusserlich zu formen beginnt. Nicht nur besteht keinerlei Bewusstsein, was effektiv gesund ist und was zwar gut aussieht, aber keinerlei anderen Nutzen mit sich bringt, als essen um des essens Willen; Fressen für das Gefühl von Mampf.

Zur heutigen Generation Jugendlicher zählen unter anderem auch jene, die sich den zweiten Cheeseburger nur deshalb reindrücken, weil die schiere Möglichkeit einer Alternative, ihre kulinarische Vorstellungskraft übersteigt. Wo bleibt denn da die Anerkennung für ein zartes Stück Fleisch, das nicht mutmasslich in überzuckerter Sauce ertränkt und zwischen albinistisch weissem Schaumgebilde (alias Brot) erstickt wurde?

Zeitgleich bilden sich aber Parallelgesellschafts-ähnliche Phänomene von Vegetariern, Frutariern und Veganern, die mit Kreuzritter-ähnlicher Inbrunst absurde Werte predigen, die sie selber nicht verstehen („Diese Karotte esse ich nicht, denn möglicherweise wurde sie gegen ihren Willen aus dem Boden gezogen!!“ usw.).

Ein grundlegendes Verständnis von gesunder Ernährung ist verloren gegangen. Darum können uns Nahrungs-Populisten und Chemie-Grosskonzerne erzählen, was sie wollen, und panisch wie wir sind, kaufen wir jedes neue Wundermittel, werfen sie ein, und hoffen auf Unsterblichkeit, ewige Jugend oder eine Bikinifigur über Nacht. Wohlgemerkt: Beim Gedanken an gentechnisch veränderte Nahrungsmittel, schreit alle Welt auf, nur hat die Mutation bereits stattgefunden. Wir sind es. Das Gift sitzt tief in unseren Zellen, und wir gieren täglich mit der hohlen Hand danach.

Unsere heutige Sicht auf Ernährung ist derart verzerrt, dass wir uns im Netz von Lügen und Halbwahrheiten verheddern, immer wieder kläglich stolpern, aber so oft wir mit dem Gesicht direkt in die … (Synonym für menschliche Absonderung nach Verlassen des Verdauungstrakts) fallen, weigert sich ein Grossteil von uns standhaft, irgendetwas daran zu ändern. Was für mich die Frage aufwirft, ob dies bewusst oder unbewusst geschieht. Beides wäre ausgesprochen dumm.

Essen wir heute um zu leben oder leben wir um zu essen? Ich glaube wir sind privilegiert genug, uns von Ersterem zu distanzieren und dumm genug, um Letzteres bloss noch auf armseligster Stufe zu meistern.

Er-Nährung wie in „Nahrung zuführen“, wie in „früher sind Menschen gestorben, weil das Mammut nicht in die Falle getreten ist“  wo ist sie heute? Aber der Dürüm muss nicht mehr gejagt werden, die Chicken Nuggets purzeln beinahe von selbst in unsere Münder und wir sind faul und bequem geworden, haben uns einen billigen Abklatsch des Schlaraffenland-Traums verwirklicht und sehen keinen Grund, nach Besseren zu streben.

Vielleicht noch anhand eines Beispiels: Die Gewürz-Mischung. Sie brauchen keine Kräuter an Wuchsform und Geruch in freier Wildbahn zu erkennen. Was ich jedoch als durchaus machbar erachte, ist die Fähigkeit, einzelne Kräuter in meinetwegen angeschriebenen Behältern, verschiedenen Gerichten nach Gusto zuzuordnen. Erklären Sie mich meinetwegen zum Küchen-Nazi, denn ich rufe tatsächlich zum Genozid der Gewürzmischungen auf. Aber Pizza-Pasta-Salat-Gewürzmischungen und HoloBolo-Saucen (eine Ehe von Hollandaise- und Bolognese) gehören in keine Küche. Alltags-Sünden, mögen Sie nun denken? Aber woher soll ein Kind im Jahre 2050 noch erkennen, dass es gar nicht Pasta ist, sondern man ihm bloss Haferschleim mit Pasta-Gewürz auftischt?

Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist keine Sünde, ein Koch-Muffel, improvisations-prüde oder einfach geschmackstot zu sein, aber es grenzt an grobe Fahrlässigkeit, sich nicht mit dem Strom aus Abfall auseinanderzusetzen, den man bereitwillig tagtäglich in seinen Körper lenkt.

Kochsendungen wie die „Landfrauen-Küche“ werden in meinen Kreisen (mehrheitlich schallend) belächelt, aber das grundlegende Konzept des Selbermachens, des Interesse an Essen, der Liebe zu jenem Detail, das uns am Ende des Tages zum Überleben befähig… das sieht kaum jemand dahinter.

Es reicht eben nicht, vier neonfarbige Pillen zur Döner Box zu einzuwerfen, und kein Pulver der Welt ersetzt die Vitamine, die ein Broccoli in sich trägt. Und um die klassische, Ausrede hierauf, Gemüse sei langweilig, geschmacksfrei oder was es immer sein mag, gleich zu entkräften: Ich halte das für ein Eigentor. Denn schlecht kochen tut nur, wer nicht kochen kann. Das ist gewissermassen ein Eingeständnis von Unfähigkeit. Aber machen Sie sich Nichts daraus, das ist nicht weiter schlimm, denn kochen ist lernbar. Unglaublich aber wahr.

Um mir selbst den Heiligenschein zu verleihen: Zu Kindergartenzeiten (und um ihn gleich wieder abzugeben: wohlgemerkt zähneknirschend) beim Anblick von Chipstüten und Salzstängeli in Nachbars-Böxli, habe ich Karotten-Stäbchen gegessen. (Die gab es übrigens damals noch nicht von Jamadu vorgeschnitten, das hat man noch selbst gemacht.) Wie viele Kinder wissen heute noch, dass Donuts nicht so zur Welt, wie zwischen ihre Zähne kommen? Und wer trinkt heute noch Milch frisch von der Kuh? Nur „solche Landeier“, die wir uns netterweise intuitiv mit dreckigen Stiefeln und löchrigen Hosen mit Zopf und nach Kuhdung stinkend, schlicht und ergreifend unkultiviert, vorstellen. Die sehr gläubigen unter uns danken Gott für das Essen auf ihrem Tisch. Aber wer dankt Sepp, dem Bauern, der auch bei Witterungen auf die Felder geht, bei denen wir nach Schulfrei schreien? Ohne Fredi, Fritz und Werni gäbe es gar nichts zu beten.

Skandalös, aber Kartoffeln sind von Natur aus dreckig, Karotten eigentlich unförmig und Äpfel fallen für gewöhnlich von Bäumen und können da durchaus auch mal eine Beule erwischen. Bananen haben braune Flecken und Gurke gibt es auch ungeschnitten. Das sind „Gemüse“ und „Früchte“. Fast möchte ich sagen, sie hätten auch zu respektierende Gefühle, aber das ginge wohl etwas zu weit… Zudem liegt das Problem ja auch nicht in der Diskriminierung von Chinakohl, sondern in jener von uns selbst, durch uns selbst.
Ergo: Eine Portion Wertschätzung für uns alle bitteschön.

Trinkwasser, Erdöl und Hochwasser-Jeans mögen knapp sein, aber die Ressource, an der es tatsächlich mangelt, ist Bewusstsein. Wer die Ernährungs-Pyramide noch kennt, der weiss auch, dass wir einen Wandel von Gizeh zum Fernseh-Turm Berlin gemacht haben, das nutritionistische Halbwissen ist schief wie Pisa und zerfallen wie Delphi. Wir sind heute so weit, dass auf der einen Erdhalbkugel materielle und auf der Anderen geistige Mittellosigkeit Menschen dahinrafft.

Ich lasse mich also – erschlagen von der Beratungsresistenz der Menschheit – auf die Couch fallen, schalte „Ratatouille“ ein und beginne mit Remy eine zauberhafte Reise in eine heile Welt des Kochens. Kommen Sie mit, es lohnt sich.

0 Kommentare