Das Dating-App Dilemma

Ob aus dem Fernsehen oder aus erster Hand, jede(r) kennt wohl Dating Apps. Nur zur Erinnerung, das Prinzip ist intellektverachtend einfach: Sie swipen! Kein Kleingedrucktes, keine Rezensions-Romane, nicht einmal eine Sterneskala, auf der Sie nachzählen müssten, ob es nun 4.7 von 5 oder von 6 Sternen sind, nein. Sie schmieren lediglich aufgrund von Fotos auf dem Bildschirm Ihres Smart Phones nach links und rechts, wie Ihrem Herzen (und anderen Körperregionen…) beliebt und zeigen sich damit paarungswillig oder eben nicht. Ihr Gegenüber tut das Selbe und wie durch Zauberhand (oder Algorithmus, wie man’s nimmt) finden sich all jene, die wirklich zusammengehören (Randbemerkung: Alle andern finden sich allerdings auch) und bleiben auf immer und ewig glücklich und zufrieden beisammen. Und wenn sie nicht gestorben sind…

Nun ja, nicht ganz. Tatsächlich registrieren Sie sich auf einer Seite für Singles, die verzweifelt nach ihrer besseren Hälfte suchen und lassen sich dann von einer Gratis App (die zwar vollbepackt ist mit billiger Werbung für Online-Bestellungen, die wohl nie ankommen werden; dennoch aber besser erscheint, als das echte Leben, wo Abfuhren noch ohne Emojis verteilt werden) potentielle Partner vorschlagen.

Genau das führt dann zu Dates, bei denen Sie nicht wissen, ob Sie besser das Kondom einpacken, oder das Messer. Und wenn Sie dann da sitzen, mit dem charmanten und (je nach Glück mehr oder weniger) jungen Herrn oder Dame aus dem Chat merken Sie, dass Sie hier lieber raus wären, bevor er drin ist. Aber Sie merken erst, dass Sie sich auf dieses eine Treffen nicht hätten einlassen sollen, wenn auslassen nicht mehr möglich ist und fühlen sich statt nur flach- auch noch reingelegt.
(Für geübte Ausredner gibt es für solche Situationen ja noch „angefahrene Omas“ oder „erbrechende Hamster“).

Menschen auf Dating Apps gleichen wilden Tieren. Wie kaufsüchtige Kapitalisten haben sie das Gefühl, alles haben zu können: Wenn ihnen die zu gerade geratene Banane nicht passt, nehmen sie eben diejenige nebendran. Sie finden auf Dating Apps nicht die intellektuell begabten, tiefgründigen Menschen, die mit sich selbst und der Welt im Reinen sind. Nein, denn diese sitzen nämlich Zuhause bei einem guten Glas Rotwein, essen Käse und sind zufrieden.

Sobald Sie sich auf einer Dating Seite registrieren, werden Sie zugleich zum Gnu, das sich in eine Gruppe hungriger Löwen wagt und auch zum Löwen selbst. Als gäbe es morgen keine Ständer und Hormone mehr, wird dann zerfleischt und gerissen, geswiped und angeschrieben.

Was Sie dabei nicht bemerken ist, dass Ihnen eine verzerrte Realität aufgetischt wird. Es ist meiner Meinung nach eine Illusion, durch Dating Apps swipen zu können und sich – ähnlich wie das Mittags-Sandwich im Coop – einen Partner aus der App auszusuchen. Dem Thon-Sandwich sehen Sie auch nicht immer an, ob der Fisch noch frisch ist, aber ich habe den Eindruck, Menschen seien etwas komplexer und nachwirkender.

Nun aber zum Dilemma. Keine/r will alleine sein. Einer meiner schrecklichsten Albträume dreht sich darum, wie ich jämmerlich inmitten der Haare meiner 12 Katzen ersticke oder von meinen 7 veganen Hunden zerfleischt werde, weil ich aus Versehen das falsche Futter gekauft habe o.ä.

Mit diesem Bild im Hinterkopf melde ich mich heimlich trotzdem auf einer Dating Seite an und beginne mein Profil aufzupeppen. Es ist, wie im Film, als würde ich eine neue Identität erschaffen: Auf welchem Foto sehe ich zugleich gut aus, aber nicht zu aufgebrezelt; sportlich, aber nicht wie Schwarzenegger; geschminkt aber nicht Picasso, glücklich aber nicht so glücklich, dass ich genau so gut stockbesoffen sein könnte..?

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