Küsschen

Wenn es etwas gibt, das ich verabscheue, dann sind es Küsschen. Fühle ich mich nicht nur, wie in der (übrigens abgesetzten. Kein Wunder, wenn Sie mich fragen!) Quizshow „1, 2 oder 3“ nein, auch variieren Geräuschpalette und Humidität von Spitzmaulfrosch bis Saugnapf. Da braucht nicht einmal die Wahrscheinlichkeitsrechnung zu Rate gezogen zu werden, um zu erahnen, wie fehl am Platz sich, bei einer so grossen Auswahl an Handlungsmöglichkeiten, Ihr Verhalten im Nachhinein anfühlen kann. Das kann ich Ihnen flüstern.

Krachende Wangenknochen behaupten sich gegen gehauchte oder gar durch ungeduldiges Plaudern übergangene Zärtlichkeiten, wo (wenn wir gerade dabei sind) lege ich eigentlich meine Hand hin? Behalte ich sie auf meinem Rücken, fühle ich mich wie ein fünfjähriges Mädchen, das ihrem Sandkastenfreund gerade den gut gemeinten Versuch eines ersten Kusses auf die Wange sabbert; kann ich mich aber nicht zwischen Schulter, Rücken, Hüfte, Ellbogen – und wie viele andere Körperteile Sie bitte zwischen Kopf und Fuss noch zu finden vermögen – entscheiden, verharrt sie in der Luft, schwebt gleich dem Damoklesschwert über der Begrüssung, auf die Jenes nach zu ausgiebigem Überlegen so oder so niedersausen wird.

Viel besser gefallen mir persönlich ja Umarmungen. Jemanden in meine Arme zu schliessen, erscheint mir als die herzlichste aller Gesten. Aber natürlich ist nicht alles lieb was kost. Mit einem Arm links und einem rechts, patsch, patsch, soll es nicht nur für die Akribischen unter uns noch lange nicht getan sein, ja auch Herzen will gelernt sein. Hat die Geste doch etwas Persönliches und Intimes und scheint mir von Person zu Person anders daherzukommen. Bevor Sie die Welten des um-den-Hals-fallens erforschen dürfen, steht jedoch eine Bewährungsprobe an: Die erste aller Umarmungen.
Oder wenn Sie so wollen, sogar noch vorher! Der Augenblick des Unwissens: Sind wir schon weit genug in unserer Bekanntschaft, uns zu umarmen? Oder etwa doch noch nicht? Im Zweifelsfall kann ja noch immer aus einer Sicherheitsdistanz von einem sorgfältig gewählten, sich dennoch merkwürdig anfühlenden Meter gewinkt werden. Richtig?

Glauben Sie aber ja nicht, damit sei es getan, denn dieser Augenblick wird jedes Mal wieder kommen, bis sich eine Seite ein Herz fasst und auf die Andere zugeht. Man kann sich ja schliesslich nicht bis in alle Ewigkeit schüchtern, leicht betreten und verlegen ankichern. Auch hier besteht alles von einer sonderbaren Ahnung eines Hauchs, einer Berührung, bis hin zum beinah lebensbedrohlichen Rippenquetscher.

Da vermisse ich doch die Bilderbuch-Grossmütter, die sich wider allen Sträubens ihrer Opfer herzhafter Rippenknacker und saftiger Backenschmatzer bedienen, was das Zeug hält. Kaum vorstellbar, das sie sich dabei so viel denken, wie ich. Vielleicht wäre ich ja tatsächlich glücklicher (oder zumindest weniger geistesabwesend), machte ich mir bloss einen Bruchteil so viele Gedanken über die Kunst der Begrüssung und Verabschiedung.
Aber vielleicht, ja vielleicht ergänzen meine aus sich ertappt fühlender Unschlüssigkeit erglühenden Wangen mein Gesicht so vortrefflich, dass sich immerhin mein Gegenüber in nicht diesen Gedankenmustern verfängt…

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